das STIMMWERCK-Logo
hier geht es zu unseren News!

Archiv : Stimmwercktage 2012 : Trienter Codices

TrientC 87, Fol 97

Die Musik

Mit der Erkundung der Trienter Codices, dieser umfangreichsten und bedeutendesten Quelle mehrstimmiger Musik des 15. Jahrhunderts, möchten die Stimmwercker an ihre Beschäftigung mit dem Repertoire des Codex St. Emmeram anknüpfen, das sich dem Ensemble vor ein paar Jahren als neues spannendes Beschäftigungsfeld erschlossen hat.

Die Trienter Codices enthalten auf über 2.000 beschriebenen Blättern fast 1.600 Kompositionen. Die Musik stammt aus vielen Teilen Europas, darunter aus England, den Niederlanden, Italien, Frankreich, dem heutigen Böhmen, Deutschland und Polen. Neben überwiegend anonym überlieferten Stücken finden sich hier Werke der großen Meister jener Epoche wie Guillaume Dufay, Antoine Busnois, Johannes Ockeghem, Gilles Binchois und John Dunstable. Die meisten Kompositionen sind Vertonungen des Messordinariums; daneben finden sich Motetten, aber auch weltliche Werke.

Sechs Bände der Sammlung wurden in den 1880er Jahren von dem Regensburger Musikforscher Franz Xaver Haberl im Domarchiv von Trient entdeckt, als er in Italien nach Quellen für seine große Palestrina-Gesamtausgabe suchte.

Diese sechs Bände, die als TrentC 87 – 92 katalogisiert wurden, befinden sich heute im Museo Provinciale d’Arte im Castello del Buonconsiglio in Trient. Ein siebter und letzter Band (TrentM 93) konnte im Jahre 1920 ausfindig gemacht werden; er wird heute im Archivio Capitolare von Trient aufbewahrt.

Die Entstehung der Sammlung ist bis heute nicht vollständig geklärt. Inzwischen gilt es als erwiesen, dass die Musik über Jahrzehnte hinweg aus verschiedensten Quellen zusammengetragen wurde. Wie die Untersuchung von Wasserzeichen ergeben hat, sind die Handschriften zwischen 1439 und 1470 verfertigt worden. Dabei sind als erstes die ältesten Teile der Bände TrentC 87 und 92 entstanden, und zwar von etwa 1439 bis 1442.

Erik Satie

Live-Performance in der Adlersberger Klosterkirche

Das Rahmenprogramm der Stimmwercktage 2012 wartet mit einer außergewöhnlichen Live-Performance auf, die bereits durch ihre voraussichtliche Aufführungsdauer von rund 18 Stunden Maßstäbe setzen wird: Erklingen werden die Vexations des französischen Komponisten Erik Satie (1866 – 1925). Das kleine, nur drei Zeilen umfassende Klavierstück, dessen Titel man etwa mit „Qualen”, „Quälereien” oder „Schikanen” übersetzen könnte, entstand 1893 und ist an sich wenig spektakulär: eine eigentümlich verquere Melodie, die „sehr langsam” zu spielen ist, wechselt sich mit zwei dreistimmig ausgesetzten Durchgängen über demselben Bassthema ab. Der Haken dabei ist nur: Satie schreibt in der Spielanweisung, diese Abfolge sei 840mal zu wiederholen!

Bis heute wird darüber gerätselt, ob der kauzige Komponist sich nur einen Scherz erlaubt hat oder ob ihm die Sache wirklich ernst war: Schließlich wäre das Stück damit seiner Zeit weit voraus gewesen  –  in jedem Fall aber ist es ein avantgardistisches Kleinod, das wichtige Strömungen der zeitgenössischen Musik des 20. Jahrhunderts vorwegnimmt.

Der große amerikanische Neuerer John Cage, dessen 100. Geburtstag wir heuer begehen, entdeckte das Stück 1949, veröffentlichte es und hielt es zunächst für nicht realisierbar. 1963 organisierte er dennoch die Uraufführung in New York, bei der er selbst mitwirkte. Diese Premiere dauerte rund 18 Stunden; nur ein einziger Zuhörer schaffte es damals, den Marathon von Anfang bis Ende durchzustehen.

Die Stimmwercker haben befreundete Organisten und Pianisten zur Mitwirkung bei diesem spannenden Projekt aufgerufen  –  und die Resonanz war überwältigend! An der Orgel der Adlersberger Kirche werden sich daher in regelmäßigen Spiel-Etappen zahlreiche Tastenheldinnen und -helden abwechseln. Die Aufführung beginnt am Freitag, dem 3. August 2012, um 22 Uhr und wird bis in den späten Samstagnachmittag dauern. Der Zutritt zu dem ungewöhnlichen Konzert ist durchgehend möglich, ein Live-Stream via Internet geplant.

Unsere Gäste

Marc Lewon

Marc Lewon

studierte zunächst Musikwissenschaft und Altgermanistik an der Universität Heidelberg mit abschließendem Magistergrad cum laude. Anschließend absolvierte er ein Diplom-Aufbaustudium an der Mittelalterabteilung der Schola Cantorum Basiliensis bei Crawford Young (Laute), Randall Cook (Vielle) und Kathleen Dineen (Gesang), welches er mit Auszeichnung abschloss. 2007 erfolgte ein weiterer Abschluss in mittelalterlicher Vielle. Die Kombination aus wissenschaftlicher Forschung und langjähriger Konzerttätigkeit bieten ihm ideale Voraussetzungen für eine interdisziplinäre Herangehensweise an die Erforschung und praktische Umsetzung von Musik des Mittelalters und der Renaissance.

Marc Lewon ist Gründer und Leiter des Ensemble Leones und Mitinitiator des 2004 gegründeten Konzertensembles Dulce Melos mit Absolventen der Schola Cantorum in Basel. Als international tätiger Musiker konzertiert er mit verschiedenen Ensembles für Frühe Musik, darunter Unicorn, Le Basile, Perlaro und Les Flamboyants und ist an zahlreichen CD-Veröffentlichungen, Rundfunk- und Fernsehauftritten beteiligt. Er spielt außerdem mit bedeutenden Solisten aus dem Bereich Alter Musik, darunter Andreas Scholl und Crawford Young, und ist Gast bei zahlreichen weiteren Ensembles, z. B. Oni Wytars, ordo virtutum, dem Clemencic Consort u. a. Viele Jahre lang war er Mitglied der bekannten Freiburger Spielleyt.

Uri Smilansky

Uri Smilansky

geboren und aufgewachsen in Israel, studierte dort Musik unter anderem bei Gershon Prensky, Drora Bruck und Myrna Herzog. Er unterrichtete Blockflöte am Petach-Tikva-Konservatorium, leitete Ensembles an der Thekma-Yelin-Schule für Musik und Künste und ist in Israel als Blockflötist und Gambist bekannt. Er gewann Preise in einer Reihe von Wettbewerben, darunter den ersten Preis der Aviv Competition for Early Music, und ist seit 12 Jahren Stipendiat der America-Israel Cultural Foundation.

Von 2001 bis 2005 studierte er Vielle bei Randall Cook und Blockflöte bei Conrad Steinmann und Corina Marti an der Mittelalterabteilung der Schola Cantorum Basiliensis. Sein Diplom schloss er mit Auszeichnung ab. Zusätzlich zu seinen Studien arbeitete er als Assistent von Anthony Rooley und Crawford Young. Für Konzerte und Aufnahmen spielt er bei verschiedenen Ensembles für Alte Musik, darunter La Morra, The Earle His Viols, The Phoenix Ensemble und Dulce Melos, sowie mit seinem eigenen Ensemble Le Basile.

2010 erhielt Uri Smilansky seinen Doktortitel an der University of Exeter (UK) mit einer Dissertation über die Musik der Ars Subtilior.

David Erler

David Erler

studierte als Stipendiat der Hanns-Seidel-Stiftung München Gesang bei Marek Rzepka an der Musikhochschule Leipzig und besuchte Meisterkurse bei Andreas Scholl, Marius van Altena und The King’s Singers. Er arbeitet mit Wolfgang Katschner, Hermann Max, Peter Van Heyghen, Ludger Rémy, Manfred Cordes, Hans-Christoph Rademann und Roland Wilson sowie mit Ensembles wie Lautten Compagney Berlin, Weser-Renaissance Bremen, Collegium Marianum Prag, Bell’Arte Salzburg und Capella de la Torre.

Vokalensembles wie amarcord, Calmus, Singer Pur und Stimmwerck laden ihn als Gastsänger ein, regelmäßig singt er zudem in der Formation „The Sound and the Fury”. CD- und Rundfunkproduktionen sowie Festivalengagements (Bachfest Leipzig, Händel-Festspiele Halle, Resonanzen Wien, Trigonale Klagenfurt, Musica Antiqua Brügge, Kulturwald) belegen seine Arbeit.

Programm

Freitag, 3. August
19.00 Uhr     Künstlergespräch
Dr. Juan Martin Koch (nmz) im Gespräch mit dem Mittelalter-Instrumentalisten Marc Lewon und Klaus Wenk (Stimmwerck)
20.00 Uhr     Eröffnungskonzert:
„O flos fragrans”  –  Marienverehrung in den Trienter Codices
Ensemble Stimmwerck
Franz Vitzthum (Kontratenor)
Klaus Wenk (Tenor)
Gerhard Hölzle (Tenor)
Marcus Schmidl (Bass-Bariton)
mit
Marc Lewon (Laute und Vielle)
und
Uri Smilansky (Viola d’arco)
ab 22.00 Uhr     Beginn der Aufführung der Vexations (1893) von Erik Satie (1866 – 1925)
An der Orgel der Adlersberger Kirche spielen ausgewählte Organisten und Pianisten ohne jede Unterbrechung die 840 Wiederholungen des ebenso berühmten wie rätselhaften Stücks. Die Performance endet voraussichtlich am Samstag, dem 4. August, gegen 18 Uhr.
Samstag, 4. August
Stimm-Werckstatt  –  Tagesakademie in der Katholischen Akademie Regensburg
Zum zweiten Mal wird in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Volksbildungsverband und der Katholischen Erwachsenenbildung Regensburg eine kleine Akademie stattfinden, die über die üblichen Vorträge vor den Konzerten hinaus einen Einblick in die Zeit der Trienter Codices geben wird.
Interessenten (Sänger, Instrumentalisten und passive Teilnehmer) für den Workshop mit Marc Lewon werden gebeten, sich unter info(at)stimmwerck(dot)de anzumelden!
11.00 Uhr     Einführungsreferat: Die Trienter Codices  –  Entstehung und Wirkung
Prof. Dr. Wolfgang Horn (Institut für Musikwissenschaft der Universität Regensburg)
daran anschließend:
ca. 11.30 Uhr     Stimm-Werckstatt
mit den vier Sängern von Stimmwerck und ausgewählten Studenten des Seminars „Die Trienter Codices  –  Von der Edition zur Aufführung”, das im Sommersemester 2012 am Institut für Musikwissenschaft unter der Leitung von Herrn Prof. Dr. Horn und Herrn Dr. Pfisterer stattfinden wird. Es werden in dieser offenen Runde aufführungstechnische Fragen erörtert und verschiedene Stücke aus den Codices angesungen (Dauer ca. 90 Minuten).
14.00 Uhr     Referat und Workshop: Musik des Mittelalters
Marc Lewon (Dauer ca. 2 Stunden)
20.00 Uhr     Vortrag in der Kirche: Copernicus, Kepler, Galilei  –  Aufbruch zu einer neuen Weltsicht
Dr. Andreas Segerer, Sternwarte Regensburg
21.00 Uhr     Konzert:
Missa Tridentina  –  Ausgewählte Mess- und Motettensätze
Ensemble Stimmwerck
Franz Vitzthum (Kontratenor)
Klaus Wenk (Tenor)
Gerhard Hölzle (Tenor)
Marcus Schmidl (Bass-Bariton)
mit
David Erler (Kontratenor)
Marc Lewon (Laute; Vielle)
und
Uri Smilansky (Viola d’arco)
Sonntag, 5. August
16.00 Uhr     Vortrag in der Kirche:
„Ut pictura musica”: Musik und Malerei im Zeitalter der Renaissance
Prof. Dr. phil. Christoph Wagner, Institut für Kunstgeschichte der Universität Regensburg
17.00 Uhr     Konzert:
Omnia bonorum plena  –  Glanzlichter aus den Trienter Codices
Ensemble Stimmwerck
Franz Vitzthum (Kontratenor)
Klaus Wenk (Tenor)
Gerhard Hölzle (Tenor)
Marcus Schmidl (Bass-Bariton)
ca. 18.00 Uhr     CD-Präsentation im Prößl-Saal:
„Orlando di Lasso  –  Susanne un jour”