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Archiv : Stimmwercktage 2005 : Jacob Obrecht

Mittelbayerische Zeitung, 19. 8. 2005:

Bleibende Eindrücke von Obrecht-Tagen
Zufriedene Musiker planen schon für nächstes Jahr

Von Thomas Vitzthum

REGENSBURG. Auch am letzten Tag der Obrechtkonzerte zieht sich ein Autokorso aus Richtung Regensburg über die Auffahrt hoch zum Adlersberg. Vier Abende lang konnte man dieses Phänomen um kurz vor acht Uhr beobachten. Nie im Leben hätten die Sänger des Ensembles Stimmwerck mit einem derartigen Publikumszuspruch gerechnet. Zufriedenheit, vielleicht auch der berechtigte Stolz, etwas für den Komponisten Jacobus Obrecht bewegt zu haben, strahlt ihnen nach dem Schlusskonzert aus den Gesichtern.

Prachtvolle Messe

Auf dem Programm standen die Marienmotette „Salve Regina”, die von den einstimmigen Passagen der gregorianischen Weise gegliedert wird, und die klangintensive, elegante Missa „Sub tuum presidium”. Im Agnus Dei hat der Komponist den gleichnamigen Choral sogar mit lateinischem Originaltext in die Obhut der Oberstimmen gegeben. Die Messe war der prachtvolle Höhepunkt der Konzertreihe, nicht zuletzt weil sie sich beeindruckend über das 3-stimmige Kyrie bis zur 7-Stimmigkeit im Agnus emporarbeitet. Die fünf Sänger von Stimmwerck wurden hierbei durch Sibylle Henn und Florian Schmitt unterstützt. Nach dem lang anhaltenden Applaus schilderten die Musiker ihre Eindrücke.

MZ: In jedem Konzert waren mehr als 100 Zuhörer. Hat euch das überrascht?
Stimmwerck: Das Publikum war wirklich der Wahnsinn. Wir haben eigentlich mit zehn Zuhörern am Tag gerechnet. Aber die Regensburger sind durch die Tage Alter Musik geschult, haben darüber hinaus jedoch nicht viele Möglichkeiten, abseitige alte Musik wie die von Obrecht zu hören. Die anderen Chöre in der Region decken dieses offensichtliche Bedürfnis nicht ab.

MZ: Hat der Ort die Menschen angelockt?
Stimmwerck: Wir haben uns bewusst für diesen Ort entschieden. Auf den Adlersberg „pilgern”, das hat einen guten Klang. Außerdem ist die Akustik sensationell. Die Kirche hat einen gewissen Zauber und wäre für Aufnahmen ideal.

MZ: Hatten die Konzerte den Sessioncharakter, den ihr euch gewünscht habt?
Stimmwerck: Es war schön zu sehen, wie die Leute kurz vor acht langsam zusammenpilgerten, über die Wiesen schlenderten und sich fast so etwas wie die Stimmung englischer Festivals auf dem Land eingestellt hat. Wäre das Wetter schöner gewesen, wären vielleicht noch mehr mit dem Fahrrad gekommen. Viele sind aber tatsächlich jeden Tag hier gewesen. Wir haben sogar überlegt, ob wir ihnen eine Art Obrecht-Zertifikat ausstellen sollen.

MZ: Obrechts Musik bleibt immer im Fluss. War es schwierig, die Konzentration nicht zu verlieren?
Stimmwerck: Sicher. Das ist keine leichte Musik. Sie fordert jeden von uns zu hundert Prozent. Aber gibt uns auch einen Kick.

MZ: Wie viel wurde geprobt?
Stimmwerck: Wir kennen uns alle sehr gut und sind routinierte Blattsänger. Außerdem findet man sich in den Personalstil des Komponisten hinein. Wenn man einmal kapiert hat, wie die Musik läuft und man gemeinsam atmet, dann ist das keine große Sache mehr. Man kann es ja sagen, wir haben das Programm tagsüber geprobt und dann abends zur Aufführung gebracht. Das ist freilich eine Menge Holz, aber Teil dieses Sessioncharakters. Wir wollten den Komponisten in der intensiven Arbeit mit ihm kennen lernen.

MZ: Wird aus den Konzerten mit kaum bekannten Meistern auf dem Adlersberg eine Tradition?
Stimmwerck: Wir hoffen es. Der Termin im August ist günstig. Wir haben Urlaub und diese Musik ist für uns wie Urlaub. Es ist geplant, im nächsten Jahr entweder Leonhard Lechner, der 1606 gestorben ist, oder Alexander Agricola anlässlich seines 500. Todestages in den Mittelpunkt von mindestens vier Konzerten zu stellen.