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Archiv : Stimmwercktage 2006 : Leonhard Lechner

Nach dem großen Erfolg und dem immensen Zuschauerzuspruch der Obrecht-Tage 2005 hatte sich Stimmwerck entschlossen, jedes Jahr im August auf dem Adlersberg bei Regensburg eines ausgewählten Komponisten der Renaissance zu gedenken.

Das Vokalquartett Stimmwerck möchte mit dieser regelmäßigen Konzertreihe, den „Stimmwercktagen”, die Werke zu Unrecht vergessener Komponisten der Renaissance im passenden Ambiente wieder zum Klingen bringen. Dabei erklangen an vier Abenden, vom 14. – 17. August 2006, Werke von Leonhard Lechner (um 1553 – 1606), einem Ausnahmekomponisten an der Schwelle zum musikalischen Barock.

Eine große Projektion ersetzte das damals übliche Chorbuch, um das sich zu Zeiten Lechners alle Sänger scharten.

In Zusammenarbeit mit der Katholischen Erwachsenenbildung wurde eine so genannte „Lechner-Werckstatt” geöffnet, in der Vorträge aus verschiedensten Bereichen über Lechners Schaffen und seine Lebensumstände gehalten wurden. Vor jedem Konzert gab es einen 20minütigen Vortrag aus unterschiedlichen Bereichen (Musikwissenschaft, Kunstgeschichte, Theologie, Philosophie).

Als Referentin konnte z. B. die Lechner-Expertin Marlis Zeus für einen Vortrag gewonnen werden. Eindrucksvoll war auch der philosophische Vortrag der in Rom lebenden Philosophin Dr. Margaretha Huber.

Die Stimmwercktage wurden von der Regensburger Kulturstiftung der REWAG und dem Landkreis Regensburg unterstützt.

Programmübersicht:

Montag, 14. August 2006, 20.00 Uhr

Missa „Non fu mai cervo” (a 5, aus: Liber missarum, 1584)
Quis dabit capiti meo aquam (a 4, aus: Motectae sacrae, 1575)
Huc me sydereo (a 5, aus: Motectae sacrae, 1575)

19.15 Uhr Vortrag:
Lechners Messe „Non fu mai cervo”
  –  Geniale Musik im Zentrum ungelöster Rätsel

Referentin: Marlis Zeus, Musikwissenschaftlerin (Karlsruhe)

Dienstag, 15.August 2006, 20.00 Uhr

In tenebris (a 5, aus: Sacrarum Cantionum, 1581)
Historia der Passion und Leidens unsers einigen Erlösers und Seligmachers Jesu Christi (a 4, 1593)
Miserere mei Domine (a 6, aus: Septem Psalmi Poenitentiales, 1587)

19.15 Uhr Vortrag:
Leonhard Lechner und die deutschen Religionsverhältnisse
Referent: Dr. Gerhard Hölzle, Philologe (München)

Der Vortrag erläutert die wechselnden Religionsverhältnisse, denen der mobile Mensch des 16. Jahrhunderts unterworfen war.

Mittwoch, 16.August 2006, 20.00 Uhr

Missa „Non é lasso martire” (a 5, aus: Liber missarum, 1584)
Wohl dem, der den Herren fürchtet (a 4, aus: Neue Geistliche etc. Lieder, 1589)
Osculetur me (a 4, aus: Motectae sacrae, 1575)
Surge propera (a 5, aus: Sacrarum Cantionum . . . Liber secundus, 1581)

19.15 Uhr Vortrag:
Kunst in den Zeiten jenseits der Vollkommenheit
Referentin: Heidrun Berchtold, M. A., Kunsthistorikerin (Regensburg)

Im Vordergrund steht das Schaffen der „deutschen” Künstler nach der Zeit von Michelangelo, Raffael, Leonardo und Tizian, nach der Zeit der „Vollkommenheit”. Dabei entsteht eine Kunst im Spiegel der Perfektion, der Reformation und Neuorientierung  –  der Manierismus.

Donnerstag, 17.August 2006, 20.00 Uhr

Deutsche Sprüche von Leben und Tod (a 4, posthume Handschrift von 1606)
O quam suavis es (a 4, aus: Motectae sacrae, 1575)
A solis ortus cordine (a 6, aus: Motectae sacrae, 1575)
O Tod, du bist ein bittrer Gallen (a 5, aus: Newe Teutsche Lieder etc., 1582)
Nisi Dominus (a 12, Septem Psalmi Poenitentiales, 1587)
Gott bhüte Dich (a 4, aus: Neue lustige Teutsche Lieder etc., 1586/1588)
Beati omnes qui timent Dominum (a 8, aus: Motectae sacrae, 1575)
Quid Chaos (a 24, Hochzeitsmusik für Sebald Welser, 1582)

19.15 Uhr Vortrag:
Chaos, Liebe, Gott  –  Eine Anmerkung zu dem Text der Motette „Quid Chaos”
Referentin: Dr. Margaretha Huber, Philosophin (Rom)

Presseecho:

Mittelbayerische Zeitung, 10. 8. 2006:

Renaissance-Session zu Leonhard Lechner
Stimmwercktage laden auf den Adlersberg

ADLERSBERG. „Stimmwercktage”: Hinter diesem gerade in Ferienzeiten wenig erquicklich anmutenden Titel lauert kein schweißtreibender Klavierbauer-Workshop. Vielmehr werden ab Montag wieder vier Tage lang die Fans vokaler Renaissance-Musik auf den Adlersberg bei Regensburg pilgern und dort den Sängern des Ensembles „Stimmwerck” zusehen, wie sie, anstatt nach altem Usus aus einem gemeinsamen Chorbuch zu singen, die Musik Leonhard Lechners von einem Großbildschirm ablesen werden. Juan Martin Koch sprach mit Klaus Wenk, der zusammen mit Franz Vitzthum, Gerhard Hölzle sowie dem Singer Pur-Kollegen Marcus Schmidl den Kern dieser wercktätigen Truppe bildet:

MZ: Wie kam es zu der Adlersberg-Konzertreihe und welche Idee steckt dahinter?

Wenk: Es war Alois Späth, der im vergangenen Jahr die Idee hatte und sich intensiv für die Umsetzung der Sache eingesetzt hat. Er stößt mit anderen Gästen zum Ensemble hinzu und kümmert sich um die technische Realisierung. Das Besondere an diesen „Renaissance-Sessions” (so Alois’ Bezeichnung) ist, dass wir das Ganze wirklich aus Spaß und Freude angehen. Wir machen sozusagen Urlaub, bei dem wir uns vier Tage lang einem Komponisten widmen und völlig in seine Musik eintauchen. Der wunderbare Ort und die Verwendung von Computern anstelle von Notenpapier gibt dem Ganzen dann noch eine besondere Note!

MZ: Was interessiert euch an Leonhard Lechner?

Wenk: Lechner ist eine unglaublich spannende Musikerpersönlichkeit an der Schwelle zum 17. Jahrhundert. Er hat als Knabe unter dem großen Orlando di Lasso in der Münchner Hofkapelle gesungen, wirkte später in Nürnberg und Stuttgart und war übrigens 1594 auch anlässlich des Reichstags in Regensburg. Seine Musik ist jederzeit voller Erfindungsreichtum und Virtuosität. Von ihm gibt es so gut wie keine „Gebrauchsmusik”, jede seiner Kompositionen ist ein Meisterwerk für sich. Direkter Anlass, sich intensiv mit seiner Musik zu beschäftigen, war für uns natürlich sein 400. Todesjahr, das wir heuer begehen.

MZ: Welche seiner Stücke habt ihr ausgewählt?

Wenk: Zu hören sein werden zwei seiner drei großartigen Messvertonungen, seine wunderbare Passion sowie eine Auswahl seiner phänomenalen Motetten. Auf Anregung und im Andenken des verstorbenen MZ-Redakteurs Peter Brielmeier, der die Stimmwerck-Tage letztes Jahr intensiv verfolgt hat, singen wir außerdem die „Deutschen Sprüche von Leben und Tod”, die als Lechners zentrales Werk gelten. Am letzten Abend kommen Gastsänger (auch Instrumentalisten) dazu, um auch einige doppelchörige Werke zum Klingen zu bringen.

Den krönenden Abschluss wird dann die Aufführung von „Quid Chaos”, einer riesigen 24stimmigen Motette (in drei achtstimmigen Chören), bilden. Bei uns werden aber nur acht Sänger agieren, die anderen sechzehn Stimmen haben wir vorher in den Computer gesungen, kommen also quasi vom Band. Ich hoffe ja wirklich, dass bei „Quid Chaos” nicht gilt: Nomen est omen (lacht). Der Bayerische Rundfunk wird nämlich die letzten beiden Konzertabende aufzeichnen.